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Lernen, streichen, mauern, gärtnern
Pensionierte Lehrer trafen sich zur Gemeinschaftsarbeit in Sachsenhausen

30. September 2013
Ein Beitrag von Anne Grote

Artikel in der Märkischen Allgemeine

Für Jo Gries war es bereits der 19. Einsatz auf dem Gelände der Gedenkstätte Sachsenhausen in Oranienburg bei Berlin. Dort, wo während der Nazi-Diktatur ein Konzentrationslager stand, hat er in den vergangenen 18 Jahren in diversen Bereichen mit Schülerinnen und Schülern des Schulzentrums an der Alwin-Lonke-Straße in Grambke im Rahmen einer Projektwoche gearbeitet. Mit von der Partie waren Auszubildende aus den Berufsbereichen Bautechnik, Holztechnik, Farbtechnik, Agrarwirtschaft und Gebäudereinigung. Die Jugendlichen haben in der Gedenkstätte allerdings nicht nur gearbeitet, sondern auch Besichtigungen unternommen, Vorträge gehört und viel erlebt mit dem Ergebnis, dass diese Berufsschüler sich viel intensiver mit dem Thema Nationalsozialismus auseinandergesetzt haben, als es im normalen Unterricht möglich gewesen wäre.

Ähnlich wollte es Jo Gries auch mit seinem diesjährigen Projekt halten, allerdings war die Zusammensetzung der Gruppe nun etwas anders. Nachdem sich der Schulleiter des SZ Alwin-Lonke-Straße im vergangenen Sommer in den Ruhestand verabschiedet hatte, mobilisierte er in diesem Jahr 14 ehemalige Kollegen – inzwischen alle Pensionäre – um mit ihnen die erfolgreiche Projektarbeit auf anderer Ebene fortzusetzen. Zwei Personen vom „nichtunterrichtenden Personal“, genauer ein ehemaliger Beamter der Bildungsbehörde und eine ehemalige Mitarbeiterin der Bremer Tageszeitungen reisten mit und sammelten - ebenso wie acht weitere Teilnehmer, die zum ersten Mal dabei waren - zahlreiche persönliche Eindrücke, die es an einem anderem Ort so wohl niemals geben wird.

Da alle mitgereisten Pädagogen in ihrer aktiven Zeit auch in der Bauberufsschule an der Alwin-Lonke-Straße unterrichtet haben, konnten sie noch einmal beweisen, was sie handwerklich „drauf hatten“. Es galt in dem Gebäude der alten Häftlingswäscherei die Fenster zu bearbeiten und zu streichen, ebenso zwei Türen. Fensterstürze mussten verputzt und eine Kellertreppe sollte ebenfalls wieder begehbar gemacht werden. Die beiden „Ungelernten“ hatten sich an der ehemaligen Lagerstraße eine ca. 200 qm große verwucherte Grünfläche vorgenommen. Für die Arbeiten hatte die Gruppe insgesamt vier Tage Zeit.

Der Auftakt hätte schlechter nicht sein können. Am ersten Arbeitstag goss es wie aus Kübeln. Wohl denen, die sich drinnen aufhalten und dort arbeiten konnten. Das galt aber nicht für alle. Die Kellertreppe lag vor dem Gebäude und der „Mauermann“ stand im Regen; die beiden „Gärtner“ klaubten hunderte von Steinen aus dem Beet und sahen wohl so bemitleidenswert aus, dass sie die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich zogen.

Bei Laune hielt die Gruppe die Gewissheit, dass sie freiwillig da waren. Alle waren entsprechend motiviert, sich an diesem schicksalsträchtigen Ort positiv einbringen zu können. Außerdem gaben ihnen die Mitarbeiter vor Ort deutlich zu verstehen, wie dankbar man für die unentgeltliche Hilfe war; , denn der Leiter Gedenkstätte, Prof. Dr. Günter Morsch muss – wie in allen diesbezüglichen Institutionen – mit seinem Etat sehr haushalten und freut sich daher über jede Handwerkerrechnung, die er nicht bezahlen muss.

Trotz vollem Terminkalender hatte Dr. Morsch noch die Zeit gefunden, die Bremer Gruppe ausführlich über die Gedenkstätte und das ehemalige Konzentrationslager zu informierten. Dies tat er in seiner ihm eigenen Art der sachlichen Berichterstattung, jedoch so intensiv und packend erzählt, dass jeder Teilnehmer sich lange über das Gehörte seine eigenen Gedanken machte.

Schließlich machte jeder Gang durch das Lager, die Ausstellungen und die noch vorhandenen Gebäude nachdenklich, gleichwohl war die Stimmung der Gruppe nach getaner Arbeit gut. Es gab einen Grillabend, Filmabend, ein Lagerfeuer und einen Ausflug nach Wandlitz in die „verbotene Stadt“ der ehemaligen DDR-Führung. Hier war die Überraschung groß, wie bürgerlich, abgeschottet und weltfremd die Elite im Arbeiter- und Bauerstaat lebte. Der Sozialismus blieb im wahrsten Sinne des Wortes dort hinter den Mauern.

Auch die Gedenkstätte Sachsenhausen wurde in Westdeutschland erst präsent, als die Mauern fielen. Jo Gries war einer der ersten „Wessies“, die sich 1994 aufmachten, dort einen Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung zu leisten. Am Schulzentrum an der Alwin-Lonke-Straße wird dieses Projekt auch nach seiner Pensionierung von anderen Kollegen fortgeführt. So ist zu erwarten, dass im kommenden Jahr zum zwanzigsten Male Bremer Schülerinnen und Schüler in Sachsenhausen lernen und arbeiten werden.

Bereitgestelltes Foto

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